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Ausgewählter Beitrag
Der Triumph der Lüge
Der Triumph der Lüge
Alles begann an einem Sommertag im Jahre 1967.
Die angebliche , vom Jugendamt angeordnete Urlaubsreise nach Berlin, hatte sich als eine böse Falle entpuppt.
An jenem Tag hatte man mir mein altes Leben einfach weggenommen.
Ich hatte gerade meinen 17. Geburtstag gefeiert, und versuchte mich in meiner Urlaubsstadt Berlin
ein wenig wohlzufühlen. Nur noch zwei Tage jubelte mein Herz, dann würde es endlich wieder Richtung Heimat gehen. Ich vermisste mein Zuhause, meine Pflegeeltern und die Taunuswälder. Mir fehlte unser kleiner Bauernhof mit all seinen Tieren. Ich vermisste den weiten Himmel und die Sonnenuntergänge. und ich hatte Sehnsucht nach meiner ersten großen Liebe.
Aber dann kam alles ganz anders.
An jenem herrlichen Sommermorgen hatte mir meinen Personalausweis wegen Fluchtgefahr abgenommen.
Der hässliche dicke Mann mit dem Schwabbelgesicht hatte mir ein Schriftstück unter die Nase gehalten und stolz verkündet, ich müsse ihn nun Vater nennen.
So waren die beiden kleinen Buben also nun meine Halbbrüder und die grellgeschminkte rothaarige Frau meine neue Mutter. Fassungslos sah ich meine neue Familie an und begann ganz langsam zu begreifen.
Nein, ich träumte nicht und ich war auch nicht in einem falschen Film.
Ich war von nun an Tochter dieser mir fremden Menschen.
Vieles was an jenem Tag noch erklärt wurde rauschte an mit vorbei. Ich hatte an einem einzigen Tag, alles was mir etwas bedeutet hatte verloren.
Hilflos und traurig nahm ich meinen kleinen Halbbruder auf den Arm. So konnte ich unter dem Vorwand, er müsse dringend an die frische Luft, die Wohnung verlassen.
Ich suchte einen nahe gelegenen Spielplatz auf, gab Torsten ein paar Sandförmchen und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Ich war gerade dabei an einem Fluchtplan zu schmieden da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
Danny, der Junge aus dem Nachbarhaus stand hinter mir und grinste mich an.
„Na Heideröslein, nun geht es ja endlich wieder nach Hause“, meinte er und zog an meinen langen Haaren.
Ich wollte ihm gerade erklären was inzwischen passiert war aber da heulte ich auch schon jämmerlich los.
Ich weiß nicht mehr wie lange es gedauert hat ihm alles verständlich zu erzählen.
Empört schaute er mich an. „Das dürfen die doch gar nicht,“ meinte er und erzählte, dass sein Vater einen hohen Rang bei der Polizei hätte. Der würde mir schon helfen versicherte er glaubwürdig und einen neuen Personalausweis würde er mir auch sicher beschaffen. Aber es würde sicher eine Weile dauern meinte er.
Das leuchtete mir ein und ich wurde etwas ruhiger.
Danny war ein netter Kerl. Er war in der Abiturentenklasse und seine Eltern waren beide berufstätig.
Mein „Vater“ hatte gegen diese Freundschaft nichts einzuwenden.
Schließlich hatten die Eltern einen Beamtenstatus und das war halt in seinen Augen etwas Feines.
So lernte ich in der Zeit des Wartens Berlin wein wenig besser kennen.
„Currywurst mit Pommes“, waren längst zu meinem Lieblingsessen geworden. Ich bewunderte den Aufbau der Gropiusstadt, die nicht weit von uns aus dem Boden gestampft wurde.
Ich lernte Tempelhof mit seinem großen Flughafen lieben. Dort verbrachte ich mit meinem kleinen Halbbruder ganze Nachmittage. Ein kleines Café mit Imbiss lud dort zum Schauen und Verweilen ein.
Sehnsüchtig schaute ich den großen Flugzeugen beim Starten und Landen zu.
Bald, da war ich mir ganz sicher, würde mich eines der Flugzeuge wieder nach Hause bringen.
Inzwischen fühlte ich mich in meiner Mutterrolle, die ich bei dem kleinen Torsten übernommen hatte, recht wohl. Kinder waren von je her etwas ganz Besonderes für mich.
Zu meinen zahlreichen kleinen Freunden gehört auch Torstens Freundin Sarah.
Sarah war ein quirliges kleines Wesen und hatte immer Streiche im Kopf. Am allerliebsten spielte sie verstecken. Das brachte uns manch aufregenden Abend ein, wenn sie nicht pünktlich vom Spielplatz zurückkehrte.
Der Teltowkanal floss nur einen Gehweg weiter von unserer Wohnsiedlung entfernt. Oft suchten wir in der Dunkelheit mit Taschenlampen bewaffnet nach ihr. Wir hatten immer Erfolg bis auf einen Abend.
Sarah blieb verschwunden. All unser Rufen und auch das Hundegebell schien sie nicht aus ihrem Versteck locken zu können.
Danny und ich waren bei jedem Suchtrupp dabei. Ich hatte mich ein wenig verliebt in seine nette und aufmerksame Art. Wenn seine grünen Augen mich anstrahlten, dann ging es mir irgendwie gut.
Sarah blieb verschwunden. Die Polizei begann mit Tauchern, den Teltowkanal abzusuchen.
Ganze Einsatztruppen, allen voran Dannys Vater durchkämmten die Häuserblöcke.
Ja und da war noch Danny. Unermüdlich unterstützte er die Suche, verteilte Kaffee und schaute dem Treiben gebannt zu.
Er wollte schließlich unbedingt zur Polizei nach dem Abitur und danach zur Mordkommission.
Ich begann, ihn immer mehr zu bewundern.
Die Leute in der Siedlung tuschelten welches Glück doch seine Eltern hätten so einen tollen Sohn zu haben.
Sarah war nun schon 14 Tage verschwunden. Alle waren ratlos. Danny war sehr traurig und Torsten vermisste sein kleine Freundin.
Ich werde niemals vergessen, wie uns die Sirenen der Polizeiautos aus dem Schlaf holten.
Es hieß man habe Sarah gefunden. Der Schäferhund eines Hausbewohners, wo Danny mit seinen Eltern lebte, hatte sich auffällig benommen. Er hatte sich nach dem letzten Spaziergang von der Leine gerissen und war zu den Trockenböden gestürmt.
Einer dieser Dachböden war von Dannys Eltern gemietet. Hier fand man die kleine tote Sarah.
Sie war einem fürchterlichen Verbrechen zum Opfer gefallen und der Täter gestand noch vor Ort.
Es war mein Freund Danny.
Dieser immer nette und strebsame junge Mann. Als man ihn abführte, grinste er mich an und meinte:“ Kopf hoch Heideröslein, man muss sich selbst einen Kick geben in dieser Stadt, um zu überleben“.
Ich habe 33 Jahre in dieser mir einst so verhassten Stadt verbracht, habe gelernt Hochhäuser und Plattenbauten zu lieben aber diese Gänsehaut wenn ich an Wohnungstüren vorbeigehe, bekomme ich immer wieder.
Urheberrecht Celine Rosenkind
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