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Mein Geheimrezept



Das Geheimrezept

Es war eben ihre unsinnige Angewohnheit, die mir so viel Angst einjagte.
Wenn sie spät am Abend den Plattenspieler anwarf, mit einer Zigarette in den Mundwinkeln und einem kleinen Plastikeimer bewaffnet das Blumenfenster ansteuerte.
Ja, dann wusste ich was kommen würde.  Angst kroch an meinem Körper hoch und drohte mich zu erwürgen. Die grellgeschminkte Tante vom Jugendamt hatte mich einfach wie immer im Stich gelassen.
Neidisch drückte ich mir die Nase am Fenster platt, um zu schauen, wie liebevoll meine Freundin Karin, im Haus gegenüber von Mutter zu Bett gebracht wurde. Ich sehe dieses Bild noch heute vor mir und spüre die Trauer wie damals.
Wenn Tante Otti die Vorhänge zuzog und das Licht ausging, war der Tag für mich noch lange nicht zu Ende.
Ja die Karin, die hatte es gut und ich war ziemlich traurig.
Oft fragte ich mich, warum denn das bei mir alles anders war.
Es war bestimmt schon spät, denn draußen war es bereits dunkel.
Ängstlich sah ich dem geschäftigen Treiben meiner Mutter zu die emsig begann, das große Blumenfenster abzuräumen, um dabei zu entdecken, dass wieder einmal alle Pflanzen auf den Komposthaufen gehörten.
Sie nahm einen großen Zettel und fing an zu schreiben.
Wie gut ich dieses Ritual schon kannte.
Danach würde sie zur Nachbarin gehen, um zu telefonieren.
Kein Wort redete sie dabei, sie schien mich gar nicht zu bemerken.
So wie sie es immer tat, übersah sie mich einfach!
Mich und meine Angst, von der sie nie etwas wissen wollte.
Wir wohnten in einem kleinen Taunusdorf. Zur damaligen Zeit wurde dort um 22 Uhr die Straßenbeleuchtung ausgemacht. Dann lag das ganze Dorf in völliger Dunkelheit.
Ich wartete vergeblich, dass Mutter rasch nach Hause kam. Sie wusste doch um meine Angst.
Als hätte SIE nur auf den Anbruch der Nacht gewartet, kam SIE endlich schnaufend die Treppe hoch und legte mir den verdammten Zettel in die Hand. Wie immer erklärte SIE mir, der Friedhofsgärtner würde schon auf mich warten.
Wortlos und ich auch ungläubig sah ich diese Frau an, die so groß und mächtig mein Leben bestimmte.
Nur etwas war noch größer wie SIE, meine Angst vor diesem langen dunklen Weg, den ich nun gehen musste.
Wir wohnten am Ende des kleinen Dorfes und ich musste mich am Licht der Fenster orientieren, um bis zum Friedhofs- berg zu kommen.
Keuchend rannte ich die Bahnhofstraße hoch, quer durch den Ort um alles schnell hinter mich zu bringen.
Es war wirklich totenstill.  Kein Laut kam aus der Dunkelheit, als ich endlich den Friedhof erreichte.
Das schwere Eisentor quietschte, als ich mich mühsam dagegen  stemmte, um es zu öffnen.
Hier begann der schlimmste Teil meines Weges.
Manchmal hatte ich Glück. Dann waren Mond und Sterne am Himmel meine Begleiter.
Ängstlich musste ich mich von Grabstein zu Grabstein zu tasten, um nicht vom Weg, wenn man den so nennen konnte, ab zukommen.
Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich erinnerte mich an all die Geschichten, die man sich über die Toten, die nachts aus ihren Gräbern kommen, so erzählte.
Da half nur eins.
Ich musste den Geistern zeigen, dass ich ein liebes Mädchen war und so versuchte ich, mir selbst zu helfen.
In diesen Nächten, kann ich dem Leser versichern, sang ich alles, was mir gerade einfiel.
Ja, ich sang bestimmt so inbrünstig, dass alle Geister Mitleid mit mir haben mussten.
Besonders „Ein feste Burg ist unser Gott“ dachte ich mir, müsse doch den Geistern klar machen, dass ich brav zur Kirche ging.
So versuchte ich mit lautem Gesang die Angst besiegen und mir Mut zu machen.
Der letzte grauenvolle Abschnitt war der Weg, der an der Leichenhalle vorbeiführte.
Hier war wenige Tage zuvor eine alte Bauersfrau hingebracht worden und ich wusste genau, dass man sie dort einge- schlossen hatte.
Ich sang, was das Zeug hielt!  Sehr laut aber auch andächtig! So erreichte ich das Gärtnerhaus, wo noch Licht brannte.
War ich froh, als ich endlich auf den Klingelknopf drücken konnte, Hundegebell hörte und eine raue Stimme mich fragte, ob ich denn gar keine Angst hätte, so spät noch durch das ganze Dorf zu laufen. Ich und Angst?  Das hätte ich damals niemals zugegeben.
Ich dachte nur an den Rückweg und an mein Bett, als mir der Gärtner die viel zu schwere Kiste auf beide Ärmchen legte. So ging ich den Weg zurück, den ich gekommen war.
Singend und in der Hoffnung ich würde heil zu Hause ankommen.
Damals habe ich mir angewöhnt zu singen, wenn ich in eine bedrohliche Situation kam – heute sage ich, ich habe die Angst mit meinem Gesang besiegt – sie weg gesungen.
So hatte ich mein eigenes Rezept entdeckt und war stolz.
Glaubt mir, ich musste noch oft diesen fürchterlichen Weg zu den ungewöhnlichsten Zeiten gehen. Die Angst war immer da, genauso wie mein Gesang, mir immer wieder half, alles zu meistern.
Vielleicht resultiert aus diesen Erlebnissen meine große Liebe zur Musik, denn das Singen ist für mich genauso wichtig wie das Schreiben.
Meine beiden großen Waffen um mein Leben zu meistern. denn auch in meiner Zukunft lauerte das Grauen….

Urheberrecht © Celine Rosenkind

Nickname 19.07.2009, 16.38

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