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Zeit der Bilanzen

Zeit der Bilanzen

Als ich ein kleines Mädchen gewesen, beobachtete ich neugierig wie Großvater seinen dicken Schlüsselbund aus der Hosentasche zog um mit ernstem Gesicht in der guten Stube zu verschwinden. Großmutter erklärte mir auf mein Fragen hin, dass die monatliche Bilanz fällig sei. Was das war, davon hatte ich zu dieser Zeit noch keine Ahnung. Auch nicht davon, dass es der Anfang eines wichtigen Lernprozesses in meinem Leben  sein würde.
Er schloss sich für einige Stunden ein und Großmutter hielt alles Störende von ihm fern. Wenn es dann aus dem Wohnzimmer tönte; „Emma, du kannst hereinkommen“,  holte Großmutter aus dem Küchenschrank ein kleines Büchlein und verschwand ebenfalls.
Das Lauschen an der schweren Holztür war überflüssig und ein Blick durch das Schlüsselloch
wurde von dem steckenden Schlüsselbart verwehrt. Es wiederholte sich Monat für Monat.
Nun, die Zeit verging und ich  durfte mich Schulkind nennen. Ich liebte die Schule, nur vor dem Weg dorthin hatte ich jeden Morgen aufs neue Angst. Auch vor dem Nachhauseweg denn da wurde ich immer von den Großen aus der 8. Klasse abgefangen. Sie fragten mich Dinge, die ich nicht verstand, und schon gar nicht hätte beantworten können. Immer ging es dabei um meine Mutter und das was sie tun würde. So kam ich auch an jenem Tag wieder mit aufgeschlagenen Knien und Kratzern im Gesicht nach Hause. Großvater stand am Hoftor und schien die Sache beobachtet zu haben. Er  nahm mich wortlos bei der Hand, holte sein großes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte meine Tränen ab. Dann holte er seinen großen Schlüsselbund aus der Hosentasche, schloss die Tür zu guten Stube auf und an diesem Nachmittag sorgte Großmutter dafür, dass uns niemand störte. Großvater begann mich in das Geheimnis der Bilanzen einzuweihen.
Er nahm ein großes Blatt Papier, teilte es in der Mitte mit einem dicken schwarzen Strich, und legte es samt einem Bleistift vor mich hin. Ich hatte ihm natürlich erklärt, dass ich nie wieder zur Schule gehen wolle, und mich schämen würde, weil ich doch gar nicht wusste, was die großen Kinder von mir wollten. Viele Dinge wurden mir an diesem Nachmittag erklärt und ich begann zu verstehen.  Was es mit dem Blatt auf sich habe wollte ich wissen, und schaute bestimmt sehr neugierig drein.
Großvater malte über die eine Hälfte des Blattes eine Sonne und auf die andere Seite eine dicke schwarze Regenwolke. Dass dies eine Bilanz werden würde meinte er, und bat mich alles zu nennen, was mir in der Schule Freude bereite. Oh, da ist mir ganz viel eingefallen. Das Lesen, das Schreiben, der Schulchor, und vieles mehr. Alles was ich schön fand haben wir dann auf die Seite unter der Sonne untereinander aufgeschrieben.
Danach musste ich Großvater alles aufzählen, was mich  von dort fern halten würde.
Nein, da kam nicht viel zusammen. Außer meiner Angst vor dem Schulweg ist mir nichts eingefallen, und Großvater schrieb es auf die Seite mit der dicken schwarzen Regenwolke.
„Schau einmal wie lange die Sonnenseite geworden ist“,  meinte er und zog genüsslich an seiner Pfeife. Dagegen war die Regenwolkenseite leer, mit nur einem einzigen Wort bestückt.
Ich erkannte, wie wichtig mir die Schule war, und merkte, dass meine Angst gewichen war. Großvater schloss seinen Sekretär auf und holte ein dickes schweres Buch heraus. Er zeigte und erklärte mir seine Monatsbilanzen soweit mein Verstand das damals begreifen konnte. Ich lernte von stund an vieles zu verstehen. Wie wichtig Bilanzen sind im  Umgang mit Finanzen aber auch. um Probleme des Alltags zu meistern. Bei Unsicherheit, wenn man nicht sicher ist, ob das was man plant auch gut und lohnend ist. Auch im menschlichen Bereich, bei Freundschaften oder in der Ehe!  Um eigene Fehler zu erkennen sind Bilanzen unerlässlich. Nur so kann man selbstkritisch Fehler erkennen und ausbügeln. Diese Bilanzen sorgen,  ordentlich geführt dafür, dass die Schlussbilanz unseres Lebens in allen Bereichen ein gutes Endergebnis aufweist, das war Großvaters feste Überzeugung.
So habe ich an dieser lieben Eigenschaft, Bilanzen zu erstellen, auch in meinem späteren Leben bis heute festgehalten. Mein späteres Leben glich einer Achterbahnfahrt und war nicht immer leicht. Aber so ist unser Leben eben, ein Abenteuer  welches jeder Mensch anders erleben darf.
Ich musste viele Abstriche machen, war oft verzweifelt und ratlos. Jedoch hatte ich auch immer, ein Blatt Papier und einen Bleistift in der Nähe, um dieses leere Blatt Papier zu teilen – in eine Sonnen- und Regenseite. Wenn meine Sonnenseite karger ausfällt wie meine Regenseite, dann ziehe ich die Reißleine. Ich setze mir neue Ziele und vergesse darüber die Regenwolken über meinem Lebenshimmel. Es hat bisher fast immer funktioniert und wenn nicht beginne ich krampfhaft nach dem Fehler zu suchen. Nur nicht aufgeben, auch diese Devise habe ich von meinem Finanz- und Lebensberater übernommen. Nun habe ich die 60 überschritten, bin so alt wie Großvater damals war, als er es mich gelehrt hat und denke mir, es ist Zeit,  diese kleine Wichtigkeit aufschreiben zu müssen.
Ich werde sie weiterführen, meine Tages, Monats und Jahresbilanzen denn ich habe noch viel vor, und risikofreudig wie ich bin, kann immer wieder etwas schief gehen, wenn ich  wieder einmal übereilt handeln will.

© Celine Rosenkind

 

Nickname 27.08.2011, 14.53

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