Das Wortkarussell
 

© für den Buchwussel-Gif

 Wolfgang Stoesser



Ein schöner Ort



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Lyrikecke - Lyrik-Linkliste


Blogeinträge (themensortiert)

Thema: aus meinemTagebuch

Der Apfel

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder doch?

Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, ist eines der schrecklichsten Sprichwörter,
die mich, nicht nur durch meine Kindheit begleitet haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit solchen Schlussfolgerungen vorsichtig umgehen sollte.
Ich rede hier von Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit gemacht habe.
Es war z. B. selbstverständlich, dass wenn Geld in der Haushaltskasse fehlte, nur ICH daran schuld gewesen sein musste.
Ich hatte einen Vater, der wohl nicht gerade ein ehrlicher Mensch gewesen sein muss.
Also war ich bereits verurteilt, ohne zu wissen, wofür und warum.
Nun war ich bereits im Schulalter wie viele Mädchen, auch ein niedliches Mädchen. Klar doch, dass mich jedes männliche Wesen mich auf unangenehme Art anfassen durfte, denn; „der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm!“

Meine Mutter hatte sich im Dörfchen einen Ruf eingehandelt, der automatisch auf mich übertragen wurde.
Wie oft wurde alles was man mit unterstellte oder mir antat, mit diesem furchtbaren Sprichwort, gerechtfertigt.
Meine Schwester hatte da wirklich die besseren Karten. Sie war eben von einem anderen Stamm, hatte einen anderen Vater und doch hatten wir eine gemeinsame Mutter.
Ich weiß noch, wie ängstlich ich morgens zur Schule geschlichen bin. Jeden Feldweg habe ich ausgenutzt um nicht meinen Schulkameraden mit ihrem Gelächter, auf der Straße ausgesetzt zu sein. Im Sommer ging ich sogar schon ganz früh aus dem Haus. Dann setzte mich, auf dem noch leeren Schulhof, in die Sonne. Bauchschmerzen machte mir die Angst vor dem Klassenzimmer. Ich hatte keine anständigen Hefte noch eine hübsche Federtasche, von meiner Kleidung mal ganz abgesehen. Aber etwas hatte ich in mir. Stolz, Kampfgeist und viel Fantasie.
 
So entwickelte ich die Fähigkeit mir vorzustellen, wie es wäre….oder was passieren würde…
gar, wie die Leute staunen würden wenn ….

Mein Lieblingsfach in den ersten Klassen war Religion. Hier hatte ich das Gefühl, etwas wert zu sein. Hier denke ich, begann eigentlich meine Reise mit Gott. Ich glaubte nicht nur einfach, ich wusste, dass alles, was ich dort lesen durfte, gut für mich war.
Ich lernte, meine Trauer und meinen Trotz in den Griff zu bekommen. Ein liebevoller Mensch wollte ich werden und für alle, ein offenes Ohr haben.

Ich ging nun nicht mehr die kleinen Feldwege, um zur Schule zu gelangen.
Mutig reihte ich mich ein in die Kinderschar, die jeden Morgen die Dorfstraße entlangliefen.
Auch meine Schularbeiten versuchte ich so sauber zu erledigen, dass es egal war, ob sie in einem schönen Heft standen oder auf einem stibitzten Blatt Papier. Und ich begann zu lernen, aus allen Büchern, die ich in unserer kleinen Dorfbücherei bekommen konnte.
Damals musste man sich oft die Schulbücher teilen. Manchmal hatten zwei Kinder zusammen ein Rechenbuch. Man war darauf angewiesen, sich untereinander auszutauschen.
Ich lernte wie meine Klassenkameraden sehr früh, was es heißt, Kompromisse einzugehen.

Das alles hatte ich ganz alleine für mich. Meine Zeugnisse wurden immer besser und ich setzte mir in den Kopf, Klassenbeste zu werden. Im Schul- und Kirchenchor war ich sehr beliebt. Meine Schulkameraden ließ ich oft abschreiben, wenn sie nicht weiter wussten.

Das alles sprach sich in der kleinen Gemeinde herum. Ich war plötzlich nicht mehr nur ein Apfel. Ich wurde zu einem Teil der Gemeinde und meinen Namen kannte man auch.

Gerätselt wurde auch in der Verwandtschaft, wie so etwas möglich sei.
Keiner in meiner Familie war musikalisch oder las gerne.

Ich lernte, mit den Augen zu stehlen. Oft genug war ich bei einer Tante und sah ihr beim Kochen und Backen über die Schulter. Bei ihr war es immer sehr sauber und gemütlich.
Da mein zu Hause das Gegenteil war, versuchte ich alles Gesehene dort anzuwenden.

Ja, ich könnte jetzt noch Seiten weiterschreiben aber was ich eigentlich sagen wollte, ist,
dass ich ganz weit weg von meinem Stamm gefallen bin.

Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit dem Stamm oder dem Ast, von welchem ich gefallen sein soll. Ich habe meine Gedanken einmal niedergeschrieben, um anderen Menschen Mut zu machen. Wir sind keine Äpfel, die an unserem Stamm gemessen werden.
Das was wir aus uns selbst machen durch Erkennen und Umdenken ist alleine wichtig.

Erinnerungen von © Celine Rosenkind

Nickname 22.01.2010, 15.56 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Geschichten aus der Bahnhofstraße - 1-


Unser Dorf

Unser kleines Dorf hieß damals noch Anspach und hatte ca. 3000 Einwohner.
Ich weiß nicht, ob das zu meiner Kindheit wirklich so viele Menschen waren.
Das kann ich mir gar nicht vorstellen denn ich glaube fest, dass ich alle im Ort
gekannt habe.
Damals gab es noch keinen einzigsten Traktor. Könnt ihr euch so etwas vorstellen?
Die schweren hölzernen Leiterwagen wurden von Ochsengespannen durch den Ort,
auf die Felder gezogen. Damals konnte man auf der Bahnhofstraße, welche auch die Hauptstraße war, noch richtig spielen.
Wenn da einmal ein Auto kam, tuckerte es gemütlich die Straße entlang.
Zeit genug, um zu Seite zu treten, nicht in Panik zu geraten, um zu rennen.
Den Ort, den wir als Kinder nicht oft genug aufsuchen konnten, war das kleine Kaffee Merkel.
Ich denke, wir konnten ziemlich hartnäckig betteln, um einen Groschen zu bekommen.
Dort gab es das leckerste Eis der Welt, jedenfalls für uns Kinder.
Nicht immer hatten wir alle Glück, einen Groschen zu ergattern und doch rannten wir gemeinsam los. Wir hofften, dass Onkel oder Tante Merkel gut gelaunt waren, denn dann gab es ob mit oder ohne Groschen Eis für alle.
Wir im Dorf waren alle eine große Familie. Wenn wieder mal „der Klapperstorch“ ein Baby bringen sollte, kam unsere alte Hebamme oder Gemeindeschwester auf dem Fahrrad.
Die Frauen versammelten sich meist vor der Hoftür, um ja den ersten Schrei nicht zu verpassen.
Trauer kam auf, wenn die schwarze Kutsche mit den weißen Gardinen, gezogen von zwei
rabenschwarzen Pferden, die Bahnhofstraße heraufkam. Jeder, der nicht auf dem Feld beschäftigt war, gab dem Verstorbenen die Ehre, ihn bis zur Leichenhalle zu begleiten.
Auch wurden natürlich Hochzeit gefeiert. Das Brautpaar musste einmal durch das ganze Dorf laufen, um die wartenden Gäste einzusammeln. Das war vielleicht ein langer Zug, der dann in unserer Kirche ankam.
Egal was geschah, man freute, lachte und weinte miteinander. Man tauschte Eier gegen Wurst
oder Obst gegen Kartoffeln. Niemand musste Angst haben, alleine zu sein. Jeder trug ein Stück Verantwortung.
Während ich das heute schreibe, stehen wirklich Tränen in meinen Augen.
Wir hatten sie, diese Vorbilder, die man als Kind so nötig braucht, um erwachsen zu werden.
Damals kam es mir so vor, als würde das Dorf mit mir zusammen immer ein Stückchen wachsen. So war es auch.  Nur immer hübsch der Reihe nach.
Vieles würde sonst an schönen Geschichten verloren gehen ..

Nickname 10.09.2009, 19.15 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Liebe ohne Ende





Liebe ohne Ende

In einem kleinen verträumten Dörfchen lebte zu meiner Jugendzeit ein altes Ehepaar.
Es unterschied sich vom Äußeren kaum von den Dorf- bewohnern.
Beide waren schon hochbetagt und gingen immer noch Hand in Hand ihren täglichen Besorgungen nach.
Abends, wenn die Bauern sich müde unter unserer alten Dorfkastanie einfanden, saßen auch die beiden Alten in ihrer Mitte.
Händchen haltend und mit einem ganz besonderen Lächeln in den gütigen Augen und auf den Lippen.
Angeregt unterhielten sie sich mit den Dorfbewohnern, während wir Kinder ausgelassen um den Kastanienbaum tanzten.

Ich selbst hatte keine Eltern und kannte Wärme und Geborgenheit nur durch meine damaligen Pflegeeltern.
Froh und dankbar war ich, wenn ich wieder einmal >zu Hause< sein durfte.
Ich konnte mich an diesen beiden Menschen nicht satt sehen.
SIE war klein und zierlich. Von der vielen Arbeit war ihr Rücken leicht gekrümmt und sie himmelte IHN aus wunderschönen graublauen gütigen Augen an.
Sie musste zu ihm aufsehen, denn er war so groß und von schlanker Gestalt.
Er schaute liebevoll auf sie hinab und drückte verstohlen ihre kleine Hand.
Ob sie wohl je gemerkt haben, wie sehr ich sie verehrte und beobachtete?
Für mich stand fest, so wollte ich auch sein, so eine Liebe wie die beiden wollte ich erleben!

Meine Pflegemutter verriet mir nach langem Drängen, dass die Beiden sich sehr spät gefunden hatten. Für eigene Kinder war es zu spät.
Der Krieg hatte in ihrem Leben eine wichtige und traurige Rolle gespielt.

Dass hinter dem Rücken getuschelt wurde, war den beiden Liebenden egal.
Sie gingen unbeirrt Hand in Hand durch unser Dorf. Man sah sie stets zusammen.
Oft sah ich sie beide wartend an der Haltestelle sitzen Hand in Hand.
Er strich ihr sanft das graue lange Haar zurück und oft küssten sie sich, ganz versunken in ihrer eigenen Welt.
Ich nahm jede Gelegenheit war, den beiden Alten zu begegnen.
Ein fröhliches "Guten Tag" und ein lieber Blick aus ihren Augen und die Welt war für mich in Ordnung.
Ich werde niemals den Tag vergessen, der mein Leben verändern sollte.

Unser Pfarrer teilte uns ein, die Erntedankspenden abzuholen. Ich hatte das große Glück die Straße zugewiesen bekommen, wo die beiden lieben Menschen wohnten.
Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich zitternd und mit weichen Knien vor ihrer Haustür stand um zu klingeln.
Es dauerte eine Weile, bis die Tür geöffnet wurde.
Da standen sie beide eng umschlungen, in weiße Bademäntel gehüllt und lächelten mich an.
Diesen Ausdruck in ihren Gesichtern, diese Liebe, die aus Ihren Augen strahlten, werde ich niemals vergessen.
Zum ersten Mal hatte ich die Gelegenheit, mich mit den Beiden alleine unterhalten.
Bei anregendem Gespräch wurden Kekse geknabbert und Saft getrunken. Ich war unbeschreiblich glücklich.
Dieses kleine zu Hause der Beiden war mit, so viel Wärme und Liebe ausgefüllt, dass es mir schwer fiel, zu gehen.
Ich war ohne es zu merken, ein bisschen erwachsener geworden.

War ich oft aus Trauer über mein Schicksal schüchtern und stumm, so konnte ich jetzt selbstbewusster durch die Gassen meines Dorfes laufen.
Ich war stolz, stolz darauf, solche Menschen zu meinen Freunden zählen zu dürfen.
Wir haben oft zusammen geredet. Manche Weisheit über das Leben, die Liebe und Erwachsen werden gaben sie mir mit auch meinen Lebensweg.
Aber auch die schönsten Zeiten gehen vorbei.

Ohne Vorwarnung griff das Schicksal ein und versuchte die Beiden zu trennen.
Ich sah meine Freunde nie wieder zusammen in den Straßen oder an der Haltestelle.
Sie lief gramgebeugt allein zum täglichen Einkauf, denn er war sehr krank geworden.
Ich ahnte, dass unsere kurze, wunderschöne, gemeinsam verbrachte Zeit zu Ende war.
Nie wieder hat die kleine zierliche Frau mir zugelächelt und ich hatte Angst etwas Wunderschönes zu verlieren.

Wir alle machten uns Sorgen um das Pärchen, nur helfen konnten wir nicht.
Da war jedes tröstende Wort überflüssig.
Ich war so traurig und fühlte mich so ohnmächtig. Ich war zornig auf meinen persönlichen Gott und wollte das nicht verstehen.

Dann an einem wunderschönen Sonntagmorgen ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf.
Man hatte die Beiden gefunden, tot sich an den Händen haltend, in ihrem Schlafzimmer.
Beide sahen aus, als würden sie schlafen und ein friedliches Lächeln umspielte ihre bleichen Lippen.
Sie hatten den gemeinsamen Tod gewählt, um nicht getrennt zu werden.
Aus Ihrem Testament ging hervor, dass beide in einem Sarg beerdigt werden wollten und wenn man mich nicht beschwindelt hat, kam man dieser Bitte nach.
Sicher habe ich niemals wieder so geweint wie in diesen schrecklichen Tagen.
Ich hatte etwas verloren und erst viel später begriffen, dass ich eine wunderschöne Erbschaft angetreten hatte.

Der Tag der Beerdigung glich einer einzigen Prozession.
Das ganze Dorf war auf den Beinen, um den Beiden die letzte Ehre zu erweisen.
Damals sang ich im Kirchenchor. Mühsam versuchte ich es jedenfalls dieses Lied;
"So nimm den meine Hände und führe mich" zu singen.
Ich schaute in den Himmel und bildete mir ein, die beiden Hand in Hand dort oben zu sehen, mit dem ihnen ureigenem, liebevollen Lächeln.

Das Leben ging weiter, aber es war still unter unserer Dorfkastanie. Keiner hat dort jemals Ihren Platz eingenommen und oft sahen unsere Bauern verstohlen zu den beiden leeren Plätzen.
Wir Kinder tobten nicht mehr so unbekümmert herum wie einst.
Es war, als hätte dieses kleine alte Ehepaar mit seinem stillen Dasein die Liebe in unser Dorf gebracht, die uns nun so fehlte.
Zwei Menschen, unscheinbar und doch so strahlend -- es war, als hätten wir ein wichtiges Kleinod verloren.
Diese beiden Menschen haben etwas sehr Wichtiges in mir geprägt.
Die Erkenntnis wie schön Liebe sein kann und wie sie sein sollte.
Das war ihr Erbe, welches sie an mich weitergegeben hatten!
In mein Tagebuch habe ich geschrieben, nicht eher ruhen zu wollen, bis auch ich solch eine große Liebe gefunden habe.
Inzwischen habe ich sie gefunden, diese große Liebe, von der ich immer nur geträumt habe.
Ich habe den wundervollsten Mann der Welt und nun bin ich die kleine Frau, die IHN anbetet und ohne ihn nicht leben will und kann.
Wenn unsere Lebensuhr abgelaufen ist, dann will ich auch Hand in Hand mit ihm zusammen dorthin gehen, wo nur noch die Liebe regiert.

Urheberrecht Celine Rosenkind


Nickname 05.08.2009, 14.56 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Mein Geheimrezept






Das Geheimrezept

Es war eben ihre unsinnige Angewohnheit, die mir so viel Angst einjagte.
Wenn sie spät am Abend den Plattenspieler anwarf, mit einer Zigarette in den Mundwinkeln und einem kleinen Plastikeimer bewaffnet das Blumenfenster ansteuerte.
Ja, dann wusste ich was kommen würde.  Angst kroch an meinem Körper hoch und drohte mich zu erwürgen. Die grellgeschminkte Tante vom Jugendamt hatte mich einfach wie immer im Stich gelassen.
Neidisch drückte ich mir die Nase am Fenster platt, um zu schauen, wie liebevoll meine Freundin Karin, im Haus gegenüber von Mutter zu Bett gebracht wurde. Ich sehe dieses Bild noch heute vor mir und spüre die Trauer wie damals.
Wenn Tante Otti die Vorhänge zuzog und das Licht ausging, war der Tag für mich noch lange nicht zu Ende.
Ja die Karin, die hatte es gut und ich war ziemlich traurig.
Oft fragte ich mich, warum denn das bei mir alles anders war.
Es war bestimmt schon spät, denn draußen war es bereits dunkel.
Ängstlich sah ich dem geschäftigen Treiben meiner Mutter zu die emsig begann, das große Blumenfenster abzuräumen, um dabei zu entdecken, dass wieder einmal alle Pflanzen auf den Komposthaufen gehörten.
Sie nahm einen großen Zettel und fing an zu schreiben.
Wie gut ich dieses Ritual schon kannte.
Danach würde sie zur Nachbarin gehen, um zu telefonieren.
Kein Wort redete sie dabei, sie schien mich gar nicht zu bemerken.
So wie sie es immer tat, übersah sie mich einfach!
Mich und meine Angst, von der sie nie etwas wissen wollte.
Wir wohnten in einem kleinen Taunusdorf. Zur damaligen Zeit wurde dort um 22 Uhr die Straßenbeleuchtung ausgemacht. Dann lag das ganze Dorf in völliger Dunkelheit.
Ich wartete vergeblich, dass Mutter rasch nach Hause kam. Sie wusste doch um meine Angst.
Als hätte SIE nur auf den Anbruch der Nacht gewartet, kam SIE endlich schnaufend die Treppe hoch und legte mir den verdammten Zettel in die Hand. Wie immer erklärte SIE mir, der Friedhofsgärtner würde schon auf mich warten.
Wortlos und ich auch ungläubig sah ich diese Frau an, die so groß und mächtig mein Leben bestimmte.
Nur etwas war noch größer wie SIE, meine Angst vor diesem langen dunklen Weg, den ich nun gehen musste.
Wir wohnten am Ende des kleinen Dorfes und ich musste mich am Licht der Fenster orientieren, um bis zum Friedhofs- berg zu kommen.
Keuchend rannte ich die Bahnhofstraße hoch, quer durch den Ort um alles schnell hinter mich zu bringen.
Es war wirklich totenstill.  Kein Laut kam aus der Dunkelheit, als ich endlich den Friedhof erreichte.
Das schwere Eisentor quietschte, als ich mich mühsam dagegen  stemmte, um es zu öffnen.
Hier begann der schlimmste Teil meines Weges.
Manchmal hatte ich Glück. Dann waren Mond und Sterne am Himmel meine Begleiter.
Ängstlich musste ich mich von Grabstein zu Grabstein zu tasten, um nicht vom Weg, wenn man den so nennen konnte, ab zukommen.
Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich erinnerte mich an all die Geschichten, die man sich über die Toten, die nachts aus ihren Gräbern kommen, so erzählte.
Da half nur eins.
Ich musste den Geistern zeigen, dass ich ein liebes Mädchen war und so versuchte ich, mir selbst zu helfen.
In diesen Nächten, kann ich dem Leser versichern, sang ich alles, was mir gerade einfiel.
Ja, ich sang bestimmt so inbrünstig, dass alle Geister Mitleid mit mir haben mussten.
Besonders „Ein feste Burg ist unser Gott“ dachte ich mir, müsse doch den Geistern klar machen, dass ich brav zur Kirche ging.
So versuchte ich mit lautem Gesang die Angst besiegen und mir Mut zu machen.
Der letzte grauenvolle Abschnitt war der Weg, der an der Leichenhalle vorbeiführte.
Hier war wenige Tage zuvor eine alte Bauersfrau hingebracht worden und ich wusste genau, dass man sie dort einge- schlossen hatte.
Ich sang, was das Zeug hielt!  Sehr laut aber auch andächtig! So erreichte ich das Gärtnerhaus, wo noch Licht brannte.
War ich froh, als ich endlich auf den Klingelknopf drücken konnte, Hundegebell hörte und eine raue Stimme mich fragte, ob ich denn gar keine Angst hätte, so spät noch durch das ganze Dorf zu laufen. Ich und Angst?  Das hätte ich damals niemals zugegeben.
Ich dachte nur an den Rückweg und an mein Bett, als mir der Gärtner die viel zu schwere Kiste auf beide Ärmchen legte. So ging ich den Weg zurück, den ich gekommen war.
Singend und in der Hoffnung ich würde heil zu Hause ankommen.
Damals habe ich mir angewöhnt zu singen, wenn ich in eine bedrohliche Situation kam – heute sage ich, ich habe die Angst mit meinem Gesang besiegt – sie weg gesungen.
So hatte ich mein eigenes Rezept entdeckt und war stolz.
Glaubt mir, ich musste noch oft diesen fürchterlichen Weg zu den ungewöhnlichsten Zeiten gehen. Die Angst war immer da, genauso wie mein Gesang, mir immer wieder half, alles zu meistern.
Vielleicht resultiert aus diesen Erlebnissen meine große Liebe zur Musik, denn das Singen ist für mich genauso wichtig wie das Schreiben.
Meine beiden großen Waffen um mein Leben zu meistern. denn auch in meiner Zukunft lauerte das Grauen….

Urheberrecht © Celine Rosenkind

Nickname 19.07.2009, 16.38 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Fremde Schuhe

 Fremde Schuhe
(Eine wahre Episode aus meine Kindheit)

Die wichtigsten Jahre meines Lebens habe ich in fremden Schuhen laufen müssen.
Das war sehr schmerzhaft zumal die Schuhe entweder zu klein oder zu groß gewesen.
Wenn ich Schuhe brauchte, kletterte meine Mutter auf den Dachboden, um in ihrer großen Kiste zu wühlen. Allerlei wunderliche Schätze flogen mir, während sie stöberte um die Ohren.
Zerfledderte Notenblätter, wundervoll weiche Stoffe und zusammen mit vergilbten Fotos  die geheimnisvollen alten Bücher.
Meistens wurde sie schnell fündig auf ihrer Suche nach Schuhen, die sie mir grinsend übereignete.
Immer mit den Worten, „es wird schon für eine Weile gehen.“
Dann sammelte sie in Windeseile ihre Schätze wieder ein, um die Truhe zu verschließen.
Davon abgesehen, dass die Schuhe mir nie gepasst haben, tröstete mich die Gewissheit, eines Tages einmal das Geheimnis der alten Kiste lösen zu können.
Die Schuhe gehörten nicht zu mir, meine Füße fühlten sich darin nicht zuhause.
Jeder Schritt tat unheimlich weh und die Tränen kullerten, ohne dass ich sie zurückhalten konnte. Das machte mich oft wütend, denn keiner durfte sehen, dass ich und ob ich traurig war oder Schmerzen hatte. Meistens musste ich meine Fußzehen umklappen, um laufen zu können. Die Schuhe waren meistens zu klein. Oft trug ich aber auch große schwere Skistiefel, in denen meine Füße keinen Halt hatten. Ich rutsche darin haltlos hin und her und bekam große Blasen beim Laufen.
Aber ich bin gelaufen, ich bin nicht stehen geblieben und habe niemals aufgegeben.
Oft stand ich in unserem kleinen Dorf vor dem einzigen Schuhladen und bewunderte diese blank polierten wundervollen Schuhe. Ich las die Preise und träumte davon, ganz schnell groß zu werden, um Geld zu verdienen. Dann wollte ich mir auch eigene Schuhe kaufen.
Ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Ich lernte darin, auch unter Schmerzen Würde zu bewahren. Jammern vor anderen Kindern oder gar den Erwachsenen, habe ich niemals getan. Das Einzigste, was mir sehr schwer fiel. war meine Gangart zu beherrschen.
Dann kam der große Tag in meinem Leben.
Ich hatte mein erstes Lehrlingsgehalt bekommen. und ich kaufte mir die ersten eigenen Schuhe. Ich weiß noch, dass sie aus schwarzem Lack waren, und ich gerade 14 Jahre alt.
Sie passten, sie waren bequem und ich war so stolz.
Für mich war es eigentlich das erste Mal, wo ich erfahren durfte, wie sehr es sich lohnt warten zu können, wenn man sein Ziel nicht aus den Augen verliert.
Übrigens das Geheimnis der Kiste habe ich niemals lösen können.
Man hat mir später nur versichert es sei besser gewesen.
Und ich habe von vielen Menschen in dem kleinen Dorf Anerkennung eingeheimst.
Eigentlich bin ich dankbar, diese schmerzvolle Erfahrung gemacht zu haben.
Man hat mir wehtun wollen, in dem man mir zeigte, dass ich nicht mal ein paar Schuhe wert sei - nur mit dem Ergebnis hat keiner gerechnet.

(aus meiner Biografie: „Ich wollte nur ein bisschen leben…")

Urheberrecht Celine Rosenkind

Nickname 09.07.2009, 13.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Der Triumph der Lüge

 Der Triumph der Lüge

Alles begann  an einem Sommertag im Jahre 1967.
Die angebliche , vom Jugendamt angeordnete Urlaubsreise nach Berlin, hatte sich als eine böse Falle entpuppt.
An jenem Tag hatte man mir mein altes Leben einfach weggenommen.
Ich hatte gerade meinen 17. Geburtstag gefeiert, und versuchte mich in meiner Urlaubsstadt Berlin
ein wenig wohlzufühlen. Nur noch zwei Tage jubelte mein Herz, dann würde es endlich wieder Richtung Heimat gehen. Ich vermisste mein Zuhause, meine Pflegeeltern und die Taunuswälder. Mir fehlte unser kleiner Bauernhof mit all seinen Tieren. Ich vermisste den weiten Himmel und die Sonnenuntergänge. und ich hatte Sehnsucht nach meiner ersten großen Liebe.
Aber dann kam alles ganz anders.
An jenem herrlichen Sommermorgen hatte mir meinen Personalausweis wegen Fluchtgefahr abgenommen.
Der hässliche dicke Mann mit dem Schwabbelgesicht hatte mir ein Schriftstück unter die Nase gehalten und stolz verkündet, ich müsse ihn nun Vater nennen.
So waren die beiden kleinen Buben also nun meine Halbbrüder und die grellgeschminkte rothaarige Frau meine neue Mutter. Fassungslos sah ich meine neue Familie an und begann ganz langsam zu begreifen.
Nein, ich träumte nicht und ich war auch nicht in einem falschen Film.
Ich war von nun an Tochter dieser mir fremden Menschen.
Vieles was an jenem Tag noch erklärt wurde rauschte an mit vorbei. Ich hatte an einem einzigen Tag, alles was mir etwas bedeutet hatte verloren.
Hilflos und traurig nahm ich meinen kleinen Halbbruder auf den Arm. So konnte ich unter dem Vorwand, er müsse dringend an die frische Luft, die Wohnung verlassen.
Ich suchte einen nahe gelegenen Spielplatz auf, gab Torsten ein paar  Sandförmchen und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Ich war gerade dabei an einem Fluchtplan zu schmieden da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
Danny, der Junge aus dem Nachbarhaus stand hinter mir und grinste mich an.
„Na Heideröslein, nun geht es ja endlich wieder nach Hause“, meinte er und zog an meinen langen Haaren.
Ich wollte ihm gerade erklären was inzwischen passiert war aber da heulte ich auch schon jämmerlich los.
Ich weiß nicht mehr wie lange es gedauert hat ihm alles verständlich zu erzählen.
Empört schaute er mich an. „Das dürfen die doch gar nicht,“ meinte er und erzählte, dass sein Vater einen hohen Rang bei der Polizei hätte. Der würde mir schon helfen versicherte er glaubwürdig und einen neuen Personalausweis würde er mir auch sicher beschaffen. Aber es würde sicher eine Weile dauern meinte er.
Das leuchtete mir ein und ich wurde etwas ruhiger.
Danny war ein netter Kerl. Er war in der Abiturentenklasse und seine Eltern waren beide berufstätig.
Mein „Vater“ hatte gegen diese Freundschaft nichts einzuwenden.
Schließlich hatten die Eltern einen Beamtenstatus und das war halt in seinen Augen etwas Feines.
So lernte ich in der Zeit des Wartens Berlin wein wenig besser kennen.
„Currywurst mit Pommes“, waren längst zu meinem Lieblingsessen geworden. Ich bewunderte den Aufbau der Gropiusstadt, die nicht weit von uns aus dem Boden gestampft wurde.
Ich lernte Tempelhof mit seinem großen Flughafen lieben. Dort verbrachte ich mit meinem kleinen Halbbruder ganze Nachmittage. Ein kleines Café mit Imbiss lud dort zum Schauen und Verweilen ein.
Sehnsüchtig schaute ich den großen Flugzeugen beim Starten und Landen zu.
Bald, da war ich mir ganz sicher, würde mich eines der Flugzeuge wieder nach Hause bringen.
Inzwischen fühlte ich mich in meiner Mutterrolle, die ich bei dem kleinen Torsten übernommen hatte, recht wohl. Kinder waren von je her etwas ganz Besonderes für mich.
Zu meinen zahlreichen kleinen Freunden gehört auch Torstens Freundin Sarah.
Sarah war ein quirliges kleines Wesen und hatte immer Streiche im Kopf. Am allerliebsten spielte sie verstecken. Das brachte uns manch aufregenden Abend ein, wenn sie nicht pünktlich vom Spielplatz zurückkehrte.
Der Teltowkanal floss nur einen Gehweg weiter von unserer Wohnsiedlung entfernt.  Oft suchten wir in der Dunkelheit mit Taschenlampen bewaffnet nach ihr. Wir hatten immer Erfolg bis auf einen Abend.
Sarah blieb verschwunden. All unser Rufen und auch das Hundegebell schien sie nicht aus ihrem Versteck locken zu können.
Danny und ich waren bei jedem Suchtrupp dabei. Ich hatte mich ein wenig verliebt in seine nette und aufmerksame Art. Wenn seine grünen Augen mich anstrahlten, dann ging es mir irgendwie gut.
Sarah blieb verschwunden. Die Polizei begann mit Tauchern, den Teltowkanal abzusuchen.
Ganze Einsatztruppen, allen voran Dannys Vater durchkämmten die Häuserblöcke.
Ja und da war noch Danny. Unermüdlich unterstützte er die Suche, verteilte  Kaffee und schaute dem Treiben gebannt zu.
Er wollte schließlich unbedingt zur Polizei nach dem Abitur und danach zur Mordkommission.
Ich begann, ihn immer mehr zu bewundern.
Die Leute in der Siedlung tuschelten welches Glück doch seine Eltern hätten so einen tollen Sohn zu haben.
Sarah war nun schon 14 Tage verschwunden. Alle waren ratlos. Danny war sehr traurig und Torsten vermisste sein kleine Freundin.

Ich werde niemals vergessen, wie uns die Sirenen der Polizeiautos aus  dem Schlaf holten.

Es hieß man habe Sarah gefunden. Der Schäferhund eines Hausbewohners, wo Danny mit seinen Eltern lebte, hatte sich auffällig benommen. Er hatte sich nach dem letzten Spaziergang von der Leine gerissen und  war zu den Trockenböden gestürmt.
Einer dieser Dachböden war von Dannys Eltern gemietet. Hier fand man die kleine tote Sarah.
Sie war einem fürchterlichen Verbrechen zum Opfer gefallen und der Täter gestand noch vor Ort.
Es war mein Freund Danny.
Dieser immer nette und strebsame junge Mann. Als man ihn abführte, grinste er mich an und meinte:“ Kopf hoch Heideröslein, man muss sich selbst einen Kick geben in dieser Stadt, um zu überleben“.

Ich habe 33 Jahre in dieser mir einst so verhassten Stadt verbracht, habe gelernt Hochhäuser und Plattenbauten zu lieben  aber diese Gänsehaut wenn ich an Wohnungstüren vorbeigehe, bekomme ich immer wieder.

Urheberrecht Celine Rosenkind




Nickname 09.07.2009, 12.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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durchs Leben tragen,

mit Datenspeicherung

im Herzen

© Celine Rosenkind



Glückmomente sammle ich

lebe gut von ihren Zinsen
beutelt dann das Böse mich
reichen diese um zu grinsen 

© Celine Rosenkind








Ganz privat erlebt man mich :





Gefühle muss man sorgsam hegen

mit Liebe wie mit Ehrlichkeit
es ist ein gar aufwendiges Pflegen
doch sicher ist´s es lohnt die Zeit

©Celine Rosenkind






Ist der Himmel grau
und trübe

glaub mir nur
die Sonne scheint

vom Strahlen ist sie
manchmal müde

wie auch ein Mensch
der einmal weint

© Celine Rosenkind


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