Mein Wortkarussell

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Ein bisschen Zartgefühl

Ein bisschen Zartgefühl

Ein fünffacher Großvater, der sollte doch wirklich
gelernt haben". Sie sah ihren Mann vorwurfsvoll und
kopfschüttelnd an.
"Was denn gelernt?", fragte er und zupfte verlegen
an seinem grauen langen Bart.
"Ach, das weißt du ganz genau, ich habs dir schon
hundertmal erklärt!"
"Was man hundertmal sagt, wird dadurch auch nicht richtiger."
Er lächelte versonnen.
"Also, ich verwöhne unsere Enkel zu sehr?"
"Viel zu sehr", sagte sie und schaute ihn vorwurfsvoll an.
"Na gut, ich werde standhaft bleiben, wie ein Felsen in der Brandung!"

Das Weihnachstfest kam.

Alle 5 Enkel hatten wunderschöne Bastelarbeiten gemacht, hatten
etwas gemalt, ausgesägt, modelliert und geklebt.
Wunderschöne Geschenke waren das für die Großeltern.
Mal mehr, mal weniger gelungene kleine Kunstwerke.
Nach der Bescherung telefonierte der Großvater mit seinen Kindern
und bedankte sich für die vielen liebevoll handgemachten Geschenke.
Er sagte, wie stolz er sei, dass seine Enkelkinder so wohlgeraten,
noch auf alte Tradition achten würden.
"Immer dieses Loben" murmelte die Frau, "du verwöhnst sie."
"Nein, ich ermutige sie weiterzumachen und zu bleiben wie sie sind."
"Aber, du siehst doch, dass manches nur oberflächlich zusammengebastelt
wurde so in letzter Minute und dafür bedankst du dich noch?"
Der Großvater drehte sich wortlos um und ging zum Gabentisch zurück,
der von den Geschenken der Enkelkinder übersät war.
Er betrachtete eines nach dem anderen in bedächtig, versonnen
in tiefer Beseeltheit.
Von wem war nun eigentlich was?
Am nächsten Tag meldete sich der älteste Sohn mit Familie zu einem
Weihnachtsbesuch an.
Nach einer freudigen Begrüßung am Telefon
meldete sich ein kleine zarte und traurige Stimme. Es war Anna, seine
kleine zehnjährige Enkeltochter. "Ich habe es eben erst bemerkt", schluchzte sie.
"Schade, dass mein Geschenk nicht so schön geworden ist,
Großvater, ich hab euch sehr lieb"
Der Großvater antworte mit Tränen in den Augen, wie schön das
Geschenk doch sei und dass allein das Wollen und der Zeitaufwand
schon für ihn das Größte wäre.
Dann suchte er auf dem Gabentisch nach den verunglückten Geschenk von Anna.
Er fand eine kleine Schachtel, einst mit Muscheln beklebt,
welche sich aber nun auf dem Gabentisch zwischen den Geschenken gelöst und
einzeln wiederfanden.
"So, so und dafür hast du sie noch gelobt", sagte die Großmutter vorwurfsvoll.
Er konnte es nicht mehr ertragen und sank in seinem Stuhl zusammen.
Hatte er all die Jahre nie bemerkt, wie negativ sich Martha entwickelt hatte?
Er schaute sie traurig an während er bemerkte:
"Man muss auch über Fehler hinwegsehenkönnen so, wie ich
dir Jahre lang verziehen habe, obwohl du nicht perfekt bist."
"Keiner ist das Martha. Ein bisschen Zartgefühl, das würde ich
dir gerne von mir abgeben."
"Warum hast du nie etwas gesagt, ich habe, so oft vergeblich auf
eine kleine Zurechtweisung gewartet."
"Ja, siehst du, man muss sich in den anderen hineinversetzen können,
dann kommt alles von allein."
"Die Kleine, hat keinen guten Klebstoff verwendet," sagte Martha
und dann saßen die beiden einträchtig am Tisch und klebten gemeinsam die Muscheln
auf die kleine Schachtel!
Nicht nur die Muscheln klebten gut, es war, als hätte dieser Klebstoff auch die Großeltern
aufs Neue verbunden.
Zartgefühl regierte nun ihrer beider Leben.

© Celine Rosenkind 

Nickname 12.01.2010, 13.31| (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL | einsortiert in: Leseproben Kurzgeschichten | Tags: nachdenklich

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