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Der Apfel

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder doch?

Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, ist eines der schrecklichsten Sprichwörter,
die mich, nicht nur durch meine Kindheit begleitet haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit solchen Schlussfolgerungen vorsichtig umgehen sollte.
Ich rede hier von Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit gemacht habe.
Es war z. B. selbstverständlich, dass wenn Geld in der Haushaltskasse fehlte, nur ICH daran schuld gewesen sein musste.
Ich hatte einen Vater, der wohl nicht gerade ein ehrlicher Mensch gewesen sein muss.
Also war ich bereits verurteilt, ohne zu wissen, wofür und warum.
Nun war ich bereits im Schulalter wie viele Mädchen, auch ein niedliches Mädchen. Klar doch, dass mich jedes männliche Wesen mich auf unangenehme Art anfassen durfte, denn; „der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm!“

Meine Mutter hatte sich im Dörfchen einen Ruf eingehandelt, der automatisch auf mich übertragen wurde.
Wie oft wurde alles was man mit unterstellte oder mir antat, mit diesem furchtbaren Sprichwort, gerechtfertigt.
Meine Schwester hatte da wirklich die besseren Karten. Sie war eben von einem anderen Stamm, hatte einen anderen Vater und doch hatten wir eine gemeinsame Mutter.
Ich weiß noch, wie ängstlich ich morgens zur Schule geschlichen bin. Jeden Feldweg habe ich ausgenutzt um nicht meinen Schulkameraden mit ihrem Gelächter, auf der Straße ausgesetzt zu sein. Im Sommer ging ich sogar schon ganz früh aus dem Haus. Dann setzte mich, auf dem noch leeren Schulhof, in die Sonne. Bauchschmerzen machte mir die Angst vor dem Klassenzimmer. Ich hatte keine anständigen Hefte noch eine hübsche Federtasche, von meiner Kleidung mal ganz abgesehen. Aber etwas hatte ich in mir. Stolz, Kampfgeist und viel Fantasie.
 
So entwickelte ich die Fähigkeit mir vorzustellen, wie es wäre….oder was passieren würde…
gar, wie die Leute staunen würden wenn ….

Mein Lieblingsfach in den ersten Klassen war Religion. Hier hatte ich das Gefühl, etwas wert zu sein. Hier denke ich, begann eigentlich meine Reise mit Gott. Ich glaubte nicht nur einfach, ich wusste, dass alles, was ich dort lesen durfte, gut für mich war.
Ich lernte, meine Trauer und meinen Trotz in den Griff zu bekommen. Ein liebevoller Mensch wollte ich werden und für alle, ein offenes Ohr haben.

Ich ging nun nicht mehr die kleinen Feldwege, um zur Schule zu gelangen.
Mutig reihte ich mich ein in die Kinderschar, die jeden Morgen die Dorfstraße entlangliefen.
Auch meine Schularbeiten versuchte ich so sauber zu erledigen, dass es egal war, ob sie in einem schönen Heft standen oder auf einem stibitzten Blatt Papier. Und ich begann zu lernen, aus allen Büchern, die ich in unserer kleinen Dorfbücherei bekommen konnte.
Damals musste man sich oft die Schulbücher teilen. Manchmal hatten zwei Kinder zusammen ein Rechenbuch. Man war darauf angewiesen, sich untereinander auszutauschen.
Ich lernte wie meine Klassenkameraden sehr früh, was es heißt, Kompromisse einzugehen.

Das alles hatte ich ganz alleine für mich. Meine Zeugnisse wurden immer besser und ich setzte mir in den Kopf, Klassenbeste zu werden. Im Schul- und Kirchenchor war ich sehr beliebt. Meine Schulkameraden ließ ich oft abschreiben, wenn sie nicht weiter wussten.

Das alles sprach sich in der kleinen Gemeinde herum. Ich war plötzlich nicht mehr nur ein Apfel. Ich wurde zu einem Teil der Gemeinde und meinen Namen kannte man auch.

Gerätselt wurde auch in der Verwandtschaft, wie so etwas möglich sei.
Keiner in meiner Familie war musikalisch oder las gerne.

Ich lernte, mit den Augen zu stehlen. Oft genug war ich bei einer Tante und sah ihr beim Kochen und Backen über die Schulter. Bei ihr war es immer sehr sauber und gemütlich.
Da mein zu Hause das Gegenteil war, versuchte ich alles Gesehene dort anzuwenden.

Ja, ich könnte jetzt noch Seiten weiterschreiben aber was ich eigentlich sagen wollte, ist,
dass ich ganz weit weg von meinem Stamm gefallen bin.

Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit dem Stamm oder dem Ast, von welchem ich gefallen sein soll. Ich habe meine Gedanken einmal niedergeschrieben, um anderen Menschen Mut zu machen. Wir sind keine Äpfel, die an unserem Stamm gemessen werden.
Das was wir aus uns selbst machen durch Erkennen und Umdenken ist alleine wichtig.

Erinnerungen von © Celine Rosenkind
 

Nickname 22.01.2010, 15.56

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Fritz Stromm

Also ich stimme dir ganz und gar zu. Dieses Sprichwort, ist das schlimmste, dass es gibt. Finde man könnte es sich Mal langsam sparen, sowas immer zu sagen und somit einen Menschen ab zustempeln.

vom 25.01.2010, 21.10
1. von Hanna

Wie wäre es denn mit dem Sprichwort:

Jeder ist seines Glückes Schmied

Ich finde es bewundernswert wie du dein Leben selbst in die Hand genommen hast und was daraus gemacht hast! Suuuuuuuuuper! :ok: :ok: :ok: :ok: :ok: :ok: :ok:

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