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Der geheimnisvolle Fund

Der geheimnisvolle Fund

Lena war eine sehr fröhliche junge Frau der man nicht anmerkte, dass  in ihrer Kindheit die Welt alles andere als rosig gewesen war.
Die Erinnerungen liefen ihr immer noch hinterher. Seit sie eine kleine Familie hatte, versuchte sie alles erfolgreich zu verdrängen.
Lena hatte die Angewohnheit,  ihre Hausarbeit stets mit einem Lied auf den Lippen zu verrichten. An jenem Sommermorgen verharrte sie beim Staubwischen glücklich vor dem Hochzeitsbild.
Ja, sie hatte Glück gehabt mit ihrem Mann Gerd, der es von einer kleinen Kfz-Werkstatt zu einem recht ansehnlichen Autohaus gebracht hatte.
Er biss ihr immer liebevoll ins Ohrläppchen und nannte sie seinen Glücksstern.
Das gemeinsame Töchterchen Julia war die Krönung dieser großen Liebe.
Wo war Julia eigentlich, schoss es Lena durch den Kopf.
Das Haus war noch nicht fertig  und sie würde doch wohl nicht…
Lena mochte gar nicht daran denken, denn die Kellertreppe war noch nicht richtig befestigt.  Zu ihrer Beruhigung stellte sie fest, dass sie die Tür abgeschlossen hatte.
„Julia,“ rief sie laut durch das kleine Haus und folgte den Geräuschen, die vom Dachboden kamen.
„Mama, hier bin ich vor einer großen Schatzkiste,“ tönte ihr ein kleines Stimmchen entgegen
Ein blaues Augenpaar lachte sie an.
„Sieh nur, was ich gefunden habe,“ sagte Julia stolz und hielt triumphierend einen Gegenstand
wedelnd in die Luft,  während Lena nach Fassung rang.
Da war ER, in der Hand ihrer kleinen Tochter.
Ein schwarzer Strickhandschuh. ER und die Vergangenheit hatten Lena wieder einmal eingeholt!
Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und lächelte krampfhaft.
„Ja, Julia, da hast du wahrlich ein Schatz gefunden! Dieser schwarze Handschuh ist etwas ganz Besonderes.  Wenn der reden könnte….."
„Oh Mama bitte, bitte erzähle“, bettelte Julia, während sie die Treppe die  zum Dachboden
führte vorsichtig hinunter robbte.

Lena sank erschöpft in ihren Lieblingssessel und schwups, saß Julia auf ihrem Schoß.
„Sieh mal Mama, der Handschuh ist mir noch zu groß“ bemerkte Julia. Lena streichelte sanft über dieses Überbleibsel, was sie eigentlich niemals wieder sehen wollte.
Ihre Augen wurden schwer.  Erlebtes rollte wie ein Film vor ihr ab während sie Julia erzählte.

Es war in jenen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Hamsterkäufe waren damals an der Tagesordnung.  Die Leute in den zerstörten Städten mussten Schmuck und andere wertvolle Sachen, gegen Lebensmittel eintauschen.
Damals lebte sie bei ihrer Großmutter auf dem Land in einem kleinen Dorf.
Zu essen hatten sie genug, nur die  Armut war trotz allem auch hier zuhause.
Unter all den Sachen die die Großeltern durch das tauschen von Speck, Kartoffeln und Fleisch
ergattert hatten, war wirklich fast nichts, was ein Kind hätte tragen können.
Die Pullover waren viel zu groß, die Pelzmäntel zu wertvoll zum zerschneiden und die Schuhe wenig geeignet für kleine Kinderfüßchen.
Großmutter versuchte immer an Stoff und Wolle zu kommen, was ihr zeitweilig auch gelang.

„Mama, was ist den Krieg sowie Hamsterkäufe kenne ich auch nicht,“ waren Fragen der kleinen Julia, die Lena zeitweilig aus ihren Gedanken riss um alles kindgerecht zu erklären.
„Ja, Julia, damals war ich 9 Jahre alt," erzählte sie dem kleinen >Zappelphilipp<.
Eines Tages jedenfalls war es Großmutter gelungen, an einen großen Beutel schwarzer Wolle
zu gelangen.
Schwarz, die Farbe fand Lena bereits damals nicht schön aber Großmutter versprach tröstend
das Beste daraus zu machen. „Was wünschst du dir denn am meisten, fragte Großmutter.“
Oh das wusste Lena sofort. Denn es war Winter in dem kleinen Bergdorf und sie war es leid, immer mit blau gefrorenen Händchen aus dem Schnee zu kommen.
Na das lässt sich machen meinte die Großmutter und machte sich sofort ans Werk.
Am nächsten Morgen, als Lena erwachte, lagen zwei große Fäustlinge, zusammengehalten von einer Schnur, die von einem Handschuh zum anderen ging, auf ihrer Bettdecke.
Das war eine Freude. Dass sie viel zu groß waren, erklärte Großmutter mit „auf Zuwachs gestrickt," und das Band solle Lena stets um den Hals tragen damit kein Handschuh verloren ginge! Ihr sollte es Recht sein. So stapfte Lena mit viel zu großen schweren Schuhen, und allem was sie zum warm halten hatte, stolz durch das Dörfchen, um ihrer Freundin Karin
die neueste Errungenschaft zu zeigen.
Karin wohnte in einem abgelegenen Teil des Dorfes, was von den Bewohnern gemieden wurde. Holzbaracken standen dort und Großmutter sah die Freundschaft der beiden Mädchen gar nicht gern.
Das sind alles Zigeuner, und die stehlen uns nachts die Hühner, waren ihre Argumente.
Na ja, und der Dorfpfarrer sagte immer, dass diese Menschen alle katholisch seien und zu einem anderen Gott beten würden als die Dorfbewohner.
„Banditen sind das“, schimpften die Einheimischen. Das alles hatte Lena damals nicht verstanden. Für sie waren alle Menschen gleich.
Karin war und blieb nun einmal ihre allerbeste Freundin möge kommen was wolle!
Energisch warf sie den Kopf zurück und klopfte an die hölzerne Wohnungstür.
Karin öffnete und die Mädchen fielen sich wie immer freundschaftlich um den Hals.
„Sieh nur“, sagte Lena aufgeregt, „was ich hier habe“. „Oh, die sind aber schön, darf ich deine Handschuhe mal anfassen?“; fragte Karin fast andächtig.
„Was heißt hier meine“; fragte Lena ganz empört! „Bist du nicht die allerbeste Freundin, die ich auf der Welt habe?“ „Natürlich doch“, meinte Karin und nickte mit dem Kopf!
„Na also, was mein ist, ist auch dein,“ meinte Lena und drängelte; “probiere sie einmal an, die sind auf Zuwachs gestrickt meint Großmutter."
Beide mussten fürchterlich lachen als sie feststellten, dass in einen Handschuh auch zwei Händchen hinein passten.
„Das ist Klasse gell,“ meinteLena und in sekundenschnelle hatte sie sich die Schere geschnappt und das Strickband, welches die Handschuhe verband durchgeschnitten.
„Den schenke ich dir, denn so hat jeder von uns einen der unsere Hände wärmt," sagte sie ganz stolz.
Julia hatte längst aufgehört zu zappeln und lauschte ihrer Mutter andächtig. Sie hing förmlich an Mutters Lippen und wartete was da noch kam, während Lena alles um sich vergessen hatte.
 In Gedanken war sie weit weg, an jenem Ort, wo sie und ihre kleine Freundin einst lebten.
So erzählte sie Julia, dass Großmutter gar nicht böse war über das Teilen und wie wundervoll der begonnene Winter gewesen war. Das Toben im Schnee, der alten rostigen Schlitten und den Schneemann, den sie gemeinsam gebaut und behütet hatten.
Die Ereignisse jener Zeit sprudelten nur so aus Lena heraus. Diese gemeinsame Kindheit mit Karin, die ganzen Streiche die sie gemacht und wie schön diese Freundschaft für beide war. Julia hörte kichernd und staunend zu.

„Aber Mutter, was ist aus Karin denn geworden und dem anderen schwarzen Handschuh den du ihr damals geschenkt hast?"
„Das Julia, möchte ich dir lieber erst erzählen, wenn du ein wenig älter bist.  Dass es immer noch sehr weh tun würde, erwiderte Lena. Ohne, dass sie es bemerkte, kullerten schon die ersten Tränen.
„Nein Mutter, du hast deine Handschuhe auch geteilt und ich will wissen, was dich traurig macht. Ich werde auch bald wie du damals 9 Jahre alt und teilen ist wichtig hast du immer gesagt," drängelte Julia.
"Weißt du Julia, Karin lebt nicht mehr," schluchzte Lena.
Dann erzählte sie, wie fanatische Dorfbewohner nach einem Erntedankfest, die Baracken der angeblichen Zigeuner angesteckt hatten. Sie wurden im Schlaf überrascht und Karin konnte mit ihrer Familie nicht mehr fliehen. Viele wurden damals ein Opfer dieses heimtückischen Überfalls.
„Deshalb hast du den Handschuh in die Schatztruhe getan, Mutter!“
Julia nickte verständnisvoll und schlang tröstend ihre Arme um Mutters Hals.
Die Jahre vergingen aus Julia wurde eine wunderschöne junge Frau. Sie war der Engel im Leben, ihrer mittlerweile betagten Eltern. Sie engagierte sich für Minderheiten und Randgruppen. Die gute Saat der gemeinsamen Erziehung war aufgegangen.

Die Welt war moderner geworden und Lena sah sich gerne hin und wieder eine Talkshow im Fernsehen an.
Es war Freitag der 13te, ein Tag der von vielen gefürchtet, aber für Lea immer als Glückstag bezeichnet wurde, als das Unfassbare passierte.
Mit einem Limonadenglas in der Hand beeilte sich Lena vor den Fernsehapparat zu kommen als es hieß: "Ich suche Dich“

Bereits in der Küche hörte sie eine Stimme, die ihr irgendwie vertraut vorkam.
Vor dem Fernseher angekommen ließ sie das Glas fallen und schaute ungläubig auf den Bildschirm.

Eine kleine hagere Frau erzählte dort, dass sie ihre beste Freundin suche und die Geschichte mit dem schwarzen Handschuh, den sie als Beweis vor die laufende Kamera hielt.
Das war doch … „Karin“ jubelte sie.  Gerd eilte gerade noch rechtzeitig hinzu um Lena aufzufangen. Ohnmächtig war sie geworden. Ohnmächtig vor Freude und Glück und nun weinte sie hemmungslos.

Nachdem Gerd den Sender angerufen hatte, und Karin bereits auf dem Weg zu ihr war meinte Lena: „Nun habe ich das Beste, was mir von meinen Erinnerungen geblieben ist, wieder gefunden

Urheberrecht Celine Rosenkind



Nickname 19.07.2009, 16.30

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