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Flügellahm (Ein Wellensittich erzählt)



Ihr lieben Menschen

Nachdenklich sitze ich in der großen Voliere und schaue nachdenklich dem Treiben meiner Artgenossen zu. Wir haben es wirklich alle sehr gut bei unseren >Menschlingen< getroffen. Wir, das ist ein bunt gemischter kleiner Wellensittich-schwarm, in welchem auch ich ein Zuhause fand. Meine neuen Eltern konnten ja auch nicht ahnen dass…

Aber ich erzähle am besten ganz von  vorne.

Ausgebrütet, schlüpften meine Geschwister und ich in den letzten Wintermonaten dieses Jahres. Ich gehöre zu den beliebten Standardwellensittichen. Mein Gefieder entwickelte sie in leuchtendem Blauweiß und ich reifte zu einer stattlichen Junghenne. Meine Geschwister, besonders meine kleine Schwester, liebte ich sehr. Bald wurde es in dem kleinen Zuchtkäfig zu eng, und so geschah es dann, dass ich mit meiner kleinen Schwester etwas unsanft in einen Holzkasten verfrachtet wurde, um zu unserem neuen Zuhause gebracht zu werden. Damals waren wir gerade einmal knapp 6 Wochen alt. Wenn Jungvögel wie wir auf die Reise geschickt  werden,  beginnt immer ein großes Abenteuer. Wie soll man auch wissen, wo man landet. Ich habe viele Artgenossen erzählen hören, wie grausam es einem Wellensittich ergehen kann. „Die Menschen sind unberechenbar“, meinte der alte Harry zu uns Jungen. Er war weit herum gekommen und musste es ja wissen. Es war die Rede von kleinen Käfigen, in denen man den ganzen Tag sitzen muss, und dass man bei vielen Menschen nicht frei fliegen darf. Auch dass man, um zahm zu werden, großes Pech haben kann und alleine, mit einem Plastikding, im Käfig hocken muss. All das ging mir durch den Kopf, während das Ruckeln des Kastens mir verriet, dass wir auf dem Weg waren.

Das Erste, was ich von unserem neuen Zuhause mitbekam, waren zwei freundliche Stimmen. Die eine war etwas brummig und die andere hell und klar. Freude und Erwartung glaubte ich heraus zu hören. Ich sollte mich nicht getäuscht haben. Dann kam er der Moment, wo es hell wurde. Unsere „Menschlinge“ und wir hatten den ersten Blickkontakt. Es war wohl beidseitig dass, was man Liebe auf den ersten Blick nennt. Sanfte Hände hoben uns liebevoll aus unseren Transportkästen und wir wurden, man glaubt es kaum, in einen riesengroßen Raum gesetzt, den man Voliere nennt. Hier warteten bereits  zwei Junggesellen, noch richtige Lausbuben auf uns.  Auch jubelte mein Vogelherz als ich die Klettermöglichkeiten erkannte, die gefüllten Futter- und Wassernäpfe. Alles war einfach perfekt. Wir bekamen sogar Namen. Man taufte mich Cora und meine Schwester bekam den Namen Kiki.

Bewundert wurden wir, wegen unserer Größe und unseren langen Schwanzfedern.

Dagegen wirkten Felix und Tuffi richtig klein. Nun ja, sie gehören eben zu den einfachen „Hansibubis“ wie man sagt. Aber frech waren sie und wir hatten bereits in der Voliere einen Heidenspaß. Hier konnte ich meine Artgenossen und Eltern mit meinen ausgeprägten Kletterkünsten immer wieder neu begeistern. Das Einzige, was mir zu schaffen machte, war die Angst, vor den tagsüber offenen stehenden Türen. Meine Freunde verließen wie selbstverständlich jeden Morgen die Voliere, erhoben sich in die Luft, flogen durch den äußeren großen Raum während ich vergeblich versuchte, es ihnen gleichzumachen. Mein erster Flugversuch endete mit einem schmerzhaften Platsch, auf dem Laminatboden vor der Balkontür. Da haben sich meine beiden Menschlinge aber erschrocken. All meine Versuche, auch auf das Volierendach zu fliegen, scheiterten kläglich. Ich konnte nicht fliegen, es wollte mir nicht gelingen. Traurig trippelte ich über den Fußboden um mich dann müde unter der Heizung zu verkriechen. Als ich gerade meinen Kopf unter die Flügel stecken wollte, wurde mir eine lange Stange hingehalten. Ich versicherte mich, dass keine Riesenhand in Sicht war, und hüpfte drauf. Dann bewegte sich die Rettungsstange ganz langsam mit mir nach vorne, und dann nach oben, zum Dach der Voliere. Dort konnte ich mich dann ganz bequem zu meinen Artgenossen gesellen. Wow, da fand ich eine Tonschüssel mit Wasser in welcher Kiki gerade ein Bad nahm. Salat, Mohrrübe und Apfel lagen dort bereit und es gab und gibt dort auch einen richtigen Spiel- und Kletterplatz. Verständlich, dass  die anderen,  tagsüber nicht drinnen hocken wollten.  Kiki und Felix, zeigten mir mit ihren Flugkünsten, wie unendlich groß der Raum war. Alle riefen mit zu, ich solle doch mitkommen. Ja, und dann habe ich es versucht. Ich erhob mich in die Luft und… machte Platsch auf dem Wohnzimmerboden. Wieder kam die rettenden Holzstange um mich sanft nach oben zu befördern. Ich hatte es begriffen und meine Menschlinge auch, ich bin flügellahm, ich bin ein Wellensittich mit einem angeborenen Gendefekt und werde niemals fliegen können. Kurz darauf ist meine Schwester Kiki ganz unerwartet über die Regenbogenbrücke geflogen. Sie war übernatürlich groß aber wurde nur knappe 4 Monate alt. Der nette Tierarzt sieht da einen Zusammenhang, Worte fielen wie verantwortungslose Überzüchtung, Inzucht und vieles mehr.

Auch riet man meinen Menschlingen vom weiteren Kauf eines Standard -Wellensittichs ab. Die hatten sich auch längst einem „Welliforum“ angeschlossen.  Mittlerweile sind wir durch einigen Zuwachs, ein richtiger Minischwarm in welchem ich akzeptiert werde, und eigentlich immer dabei sein kann, wenn ich will. Man hat mir mit Hilfe von kleinen Leitern, und anderen Klettermöglichkeiten, den Zugang zum Volierendach ermöglicht. Auch ist aus der Holzstange mein privater handbetriebener Fahrstuhl geworden, falls mir einmal wieder die Puste ausgeht. Frauchen hat mich zu ihrem auserkorenen Liebling erklärt und sich einen besonderen Ruf für mich einfallen lassen. Ich weiß, wie sehr ich geliebt werde und fühle mich rundherum sehr wohl. Wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen fliegen zu können, so wie Möhrchen, Kathi, Felixs, Tuffi und Mecki.

Wer weiß, vielleicht geschieht ein Wunder und wenn nicht, ist es auch gut so wie es ist.

Diktiert und geschrieben im Auftrag von Cora

©Celine Rosenkind

Nickname 01.07.2015, 16.33

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