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Lissi, eine wahre Geschichte Teil 2



Meine Großeltern sagten immer: „Man muss sich auf aufeinander verlassen können

Eine Armbanduhr hatte ich zu jener Zeit noch nicht, aber ich hatte gelernt, mich an dem Sonnenuntergang zu orientieren. Überhaupt war die Sache mit dem Kaninchenfutter holen immer wieder ein Abenteuer. Was man da alles in den kleinen Wiesenbächen entdecken konnte. Ich hatte immer eine Blechbüchse dabei und sammelte kleine Fische, Kaulquappen oder Dinge, die ich noch nicht kannte. So gesehen waren die Pflichten auch meine ersten Naturkundestunden.

Bärbel und Mieze hatten ganz andere Pläne. Sobald Mieze vor einem Mauseloch stehen blieb, schnüffelte Bärbel bereits an dem zweiten Ausgang und begann mächtig  zu graben.Die Katze saß stolz am anderen Mauseloch und wartete geduldig, bis ihr Leckerbissen genau in die Pfoten lief.Das hättet Ihr sehen sollen. Von meiner Dackeldame sah ich oft nur noch die Hinterbeine und den Schwanz. Sie war so mit Graben beschäftigt, dass sie gar nicht wiederzuerkennen war, wenn die Jagd erfolgreich beendet wurde. Und was machte die Mieze?
Sie trug ihre Beute stolz bis vor das Küchenfenster meiner Großmutter.Nein, die Maus war nicht tot, auch nicht, als wir zuhause ankamen. Immer wieder ließ die Katze das zitternde Etwas fallen und spielte mit dem armen Wesen. Bärbel lag lauernd davor. Keine Chance hatte das arme Ding zu entkommen.

Lissi stand übrigens dem ganzen Tun und Treiben mit wachen Augen gegenüber.Ich bin mir heute noch ganz sicher - Lissi verstand einfach alles.
So bekam die Mieze ein dickes Lob von der Großmutter für die mitgebrachte Maus, die Mieze gar nicht fressen oder töten wollte. Aus Miezes Revier konnte die Maus unbehelligt das Weite suchen.
Ich fütterte unsere Stallhasen und brachte Lissi dann in ihren kleinen Verschlag. Auch sie bekam das abendliche Futter, das Fell gebürstet,
und eine Gütenachtgeschichte erzählte ich ihr auch noch. Danach wertete ich mit Großvater den Inhalt meiner Blechdose aus.
Der konnte Geschichten erzählen, wundervoll den Lauf der Natur, und die Angewohnheiten der Insekten erklären. Für mich war er der beste Lehrer, den ein Kind sich nur wünschen konnte.
Auf uns wartete ein neuer aufregender Tag.

Unser erster gemeinsamer Einkauf
Ich erinnere mich noch ganz genau, wie mein Großvater, einen alten hässlichen Leiterwagen in den Hof zog. Man könnte ihn auch großen Handwagen nennen. In der Hand hielt er ein braunes Geschirr. Lissi sollte lernen, diesen Wagen zu ziehen. Ungläubig habe ich ihn angeschaut, und ich erinnere mich, dass ich richtig wütend wurde. Warum und wozu, solche Fragen waren nicht gestattet. Ich hatte zu gehorchen und Lissi auch. Großmutter erklärte mir dann, dass wir beide nun einmal in der Woche, mit diesem scheußlichen Wagen, durchs Dorf laufen müssten.Beladen mit zwei Blechen, mussten wir die Brote zum Backhaus bringen. Auch mit Eiern, die beim Fleischer, gegen andere Dinge einzutauschen waren. Danach mussten wir beim Konsum vorbei mit einem ziemlich großen Einkaufszettel.
Ich wagte zu bemerken, dass man mit diesem großen Leiterwagen, nicht auf dem Gehsteig laufen könne. Er war ja auch für die Straße gedacht erfuhr ich dann. Mir wurde mulmig im Magen. Ich schämte mich, mit diesem Gespann, durchs Dorf zu laufen, und ich war traurig, dass man Lissi und mir so etwas zumutete.

Nein, darüber konnte ich nicht lachen. Ich stellte mir vor, wie die Dorfkinder und Schulkameraden, lachen würden. So etwas gab es in unserem Dorf noch nicht. Eine Ziege vor einem Leiterwagen. Komisch, Lissi schien das alles anders zu sehen. Na klar, sie war immer lieb und geduldig. So machten wir uns dann auf den Weg. Die ganze Bahnhofstraße hoch und weiter. Was aber komisch war, das Lachen der Dorfkinder blieb aus.Die starrten uns beide mit offenem Mund an, und meinten, so etwas noch nie gesehen zu haben. Dass sie auch so eine Ziege haben wollten, und Lissi gut sei für den Zirkus. Darin waren sich alle einig.
Das machte mich jedenfalls etwas selbstbewusster und stolz.
So erledigten wir nun den großen wöchentlichen Einkauf. Es hat dann doch richtig Spaß gemacht, und da es ein Mittwoch war, habe ich mich auf diesen Tag bald richtig gefreut.

Es war an einem dieser wunderschönen Sommertage als mir Lissi merkwürdig vorkam.Großmutters Wäsche flatterte im Wind, und ich thronte hoch oben zwischen zwei Apfelbäumen, stolz in meiner Hängematte. Es war ungewöhnlich still. Lissi lag lustlos im Gras, und meckerte nicht wie sonst, wenn sie mich sah.
Ich fing an mir Sorgen zu machen, und lief dem Großvater entgegen, um ihn um Rat zu fragen. Er beruhigte mich und erklärte mir, dass auch Tiere manchmal
lustlos seien.  Außerdem wäre es an der Zeit, dass Lissi endlich für Nachwuchs sorge.Na ja, das leuchtete mir ein, schließlich war sie bereits zwei Jahre alt. Nur, es änderte sich nichts in den nächsten Tagen. Lissis Bauch wurde immer dicker obwohl sie nicht fraß. Das Aufstehen fiel ihr immer schwerer und die Augen waren glanzlos und trübe. Ich wich nicht mehr von ihrer Seite. Großvater meinte, dass wir keinen Tierarzt bräuchten. So schlich ich mich statt in die Schule zu gehen heimlich zu unserem Tierdoktor.
Ich erzählte ihm alles und heulte wie ein Schlosshund.
Schließlich hatte ich doch kein Geld und Großvater hatte eine festgefahrene Meinung.
Dr. Müller schüttelte nachdenklich den Kopf, nahm meine zitternde Hand und schon saßen wir beide im Auto, um zu Großvater zu fahren.
Ich hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl!

Abschied von Lissi
Zu Hause angekommen sah Großvater mich sehr böse an. Der Tierarzt folgte meinem aufgeregten Rufen und begann Lissi zu untersuchen.Er begann sie abzutasten und schüttelte besorgt den Kopf. Dann fragte er meinen Großvater, warum er ihn nicht gerufen habe. Die beiden Männer fingen an zu streiten. Ich höre heute noch wie Großvater erklärte, dass er für so ein nutzloses Tier, kein Geld ausgeben werde. Tiere seien eben Tiere und ihre Zeit auf Erden sei begrenzt.
Ungläubig schaute ich diesen Mann, den ich doch so verehrt habe, an.
Ich rannte ins Haus und holte meine paar Groschen, die ich mir mühsam beim Kartoffelkäfer-sammeln verdient hatte. Weinend drückte ich sie Dr. Müller in die Hand. Ich hatte nur einen Gedanken. Lissi durfte nicht sterben. Sie war eigentlich alles, was ich hatte. Meine beste Freundin! Ich sah alles wie in einem Film vor mir.
Was hatten wir nicht alles zusammen erlebt. Lissi lag teilnahmslos im Stroh und atmete sehr schwer. Ich werde diese traurigen trüben Augen niemals vergessen und ich begann, meinen Großvater zu hassen. Ich habe doch nicht ahnen können, was sich, in meiner Abwesenheit ereignet hatte. Lissi hatte eine Spritze bekommen und  starb in meinen Armen. Es liest sich bestimmt für manchen übertrieben, aber für mich, brach eine Welt zusammen.
Auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, erlebe ich diesen Schmerz noch einmal.
Der Tierarzt bestand darauf Lissi mitzunehmen, um zu untersuchen, warum sie so grausam sterben musste. Er verstand meinen Schmerz und rieb sich die Augen.
Das ihm da wohl Staub hinein geflogen sei meinte er, streichelte mich tröstend, und fuhr mit Lissi davon.
Ich tat dass, was ich immer getan habe, wenn der Kummer zu groß wurde. Der alte dicke Kirschbaum mit seinem dicken Stamm musste herhalten. Dort schrie und tobte ich mich aus. Ich trommelte mit meinen Fäusten an den dicken Stamm, fragte den lieben Gott, warum er das zugelassen. Schwor mir, wenn ich groß sei, alles anders zu machen.
An diesem Abend bekam ich hohes Fieber und wurde richtig krank.
Großmutter schien mich wenigstens zu verstehen. Ich glaube, sie litt mit mir. Es war plötzlich alles anders. Ich begann zu begreifen, wie Geld und Geiz Menschen verändern können. So wollte ich niemals werden, das habe ich mir damals geschworen.

Einige Wochen später kam unser Tierarzt auf den Hof gefahren. Er hatte eine kleine Blechbüchse in der Hand. Meine Großeltern und ich sahen ihn erwartungsvoll an. Er griff in seine Hosentasche und holte das Zwischenstück einer Wäscheklammer hervor. „Das hat Lissi beim Grasen mit hinuntergeschluckt“, erklärte er
uns. Auch, dass man Lissi hätte retten können, wenn man ihn rechtzeitig geholt hätte.
Dann nahm er meine Hand und bat Großvater um einen Spaten. Er tröstete mich und erzählte mir etwas von der Regenbogenbrücke. Dort wohnte Lissi nun, und er wisse ganz genau, so versicherte er mir, dass alle Tiere dort friedlich zusammen weiterleben würden.
In der geheimnisvollen Blechbüchse war Lissis Asche. Die haben wir beide dann im Garten, unter dem Apfelbaum, begraben. Genau an jener Stelle, an der ich Lissi das letzte Mal fröhlich meckern hörte, unter meiner alten Hängematte.
Ich habe aus dem Steingarten die schönsten Steine geholt und den kleinen Platz eingezäunt. Auch Wiesenblumen habe ich mit den Wurzeln gesammelt, um das Grab zu bestücken. Um den Ziegenstall machte ich einen großen Bogen.
Ein neuer Frühling kam und mit ihm wieder kleine Ziegen.Ich ging Großvater aus dem Weg und redete nur das Nötigste mit ihm.Nun stand er wieder vor mir, mit einer kleinen Ziege, die sogar Lissis alte Halskette trug.
„Nein, nie wieder;“ schrie ich und rannte davon. Für mich stand fest, dass man ein Tier nicht einfach ersetzen kann.
Wie jeden Abend lief ich vorm Schlafengehen noch einmal zu dem Grab von Lissi.
Ich staunte nicht schlecht, als da plötzlich ein Holzkreuz zu sehen war mit einem richtigen Schildchen. Darauf geschrieben stand: „Hier ruht meine liebe Freundin Lissi!“
Mein Großvater lehnte am Apfelbaum und zog nachdenklich an seiner Pfeife.
Das erste Mal, seit Lissis Tod, lief ich ihm wieder in die Arme. Wir weinten gemeinsam.
An diesem Abend erfuhr ich von ihm, wie stolz er auf mich sei. Auch, dass kleine Mädchen sogar großen Männern etwas begreiflich machen können, wenn sie es ganz fest wollen.
Der ganze Ziegenbestand wurde aufgelöst und es war fortan kein Meckern mehr auf unserem Hof zu hören.
Vergessen werde ich meine Lissi niemals.

Sie gehört zu den Helden  meiner Kindheit, und immer, wenn ich eine weiße Ziege sehe, .......

© Celine Rosenkind

Nickname 01.07.2015, 14.41

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